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Die Abbruchhäuser Lindenstraße 2 - 10

Dort wo inzwischen das Park und Geschäftshaus Kabenhof mit seinem mächtigen Baukörper auf den zusammengeschweißten Parzellen der Grundstücke Lindenstraße 2 bis 10 steht, befanden sich laut Buchholzer Reinkarte von 1872 zwei Parzellen, im

Westen das Grundstück von Wilhelm Meyer aus Reindorf und im Osten das von Kophamel. Infolge Teilung gingen aus dem westlichen Besitz die Grundstücke 2 bis 6 und aus dem östlichen die Grundstücke 8 und 10 hervor. Die auf diesen fünf Parzellen entstandenen Wohn und Geschäftshäuser prägten das Buchholzer Ortsbild bis 2008.Sie hatten sich aber überlebt.

Zur Baugeschichte. Der erste Bau auf dem Großgrundstück Nr.2 bis Nr. 6 war ein zeitgemäßes Ziegelsteinhaus mit Giebel zur Lindenstraße und einem bahnseitigen schmalen Quergebäude.Vom Haupthaus, in dem der Kaufmann Ernst August Benecke seit 1876 ein Kolonialwarengeschäftbetrieb, existiert noch ein altes Foto. Der Ziegelsteinbau wurde abgelöst durch ein schmuckes zweigeschossiges Wohn – und Geschäftshaus mit flachem Walmdach, wohl kurz nach 1909 entstanden. 1929 wird zur Bahn hin ein Lagerhaus mit Obergeschosswohnung angebaut, 1954 der Ladenvorbau zur Lindenstraße hin mit den großen Schaufenstern. Das Gemischt und Einzelhandelsgeschäft wurde bis 1973 von Karl Meyer betrieben, dann von Familie Peters. Das nach Osten anschließende Gebäude gehörte dem Fuhrwerksbesitzer Georg Meyer. Der älteste Teil war 1872 bereits vorhanden. Nach dem 2. Weltkrieg befanden sich vier Mietwohnungen in dem Gebäude, das im Volksmund Langer Jammer hieß. Auf dem anschließenden Grundstück Lindenstr. 6 stand 1928 das Wohnhaus des Kraftfuhrunternehmers Karl Elend. Es ging an Rudolf Derboven über und wurde später zu Ausstellungsräumen des Textilhauses Derboven umgebaut. Mit der Nummer 8 verbindet sich noch für viele Buchholzer das bekannte AWO-Haus. Es wurde als zweigeschossiges Wohn- und Geschäftshaus wohl kurz nach 1910 von Schlachtermeister Fritz Kophamel errichtet. Der Betrieb ging 1955 an Karl Cohrs über. Er führte ihn bis 1973. Dann erwarb die Stadt Buchholz das Gebäude und baute es zu einem Seniorentreff um. Als letztes Anwesen mit der Hausnummer 10 ist das Wohn- und Geschäftshaus von“Klamotten-Kröger” zu nennen. Den Kern bildete die ca. 1872 von Kophamel errichtete Schlachterei. Von diesem Kernbau existiert ebenfalls noch ein altes Foto. Der Schlachtbetrieb wurde 1920 auf das neu ausgewiesene Grundstück Nr. 8 verlegt. In der alten Schlachterei eröffnete der Kaufmann Wilhelm Kröger eine Eisenwarenhandlung. 1950 erfolgte eine Erweiterung seines Ladens. Neben dem Handel mit Eisenwaren gab es als zweites Standbein eine Lebensmittelabteilung. Eine geplante großzügige Modernisierung ließ sich nicht durchführen, da die Bundesbahn und die Stadt Buchholz wegen eigener Planungen ihr Einspruchsrecht geltend machten. Zuletzt nutzten ein Gastronomiebetrieb und eine Schneiderei die Räumlichkeiten.

Ehrsame Kaufleute. Bekanntlich ist aller Anfang schwer. Das galt auch für die Kaufleute in der Lindenstraße. Immerhin, der Buchholzer Bahnhof wurde 1874 eingeweiht. Das ließ hoffen. Und so konnten die Geschäfte aus sehr bescheidenen Anfängen und trotz der Konkurrenz weiterer neuer Läden im Dorf bei einer bescheidenen Einwohnerzahl von ca. 500 Einwohnern um 1875 und gut 1000 um 1900 eine positive Entwicklung nehmen. Das lag nicht zuletzt auch an der zunehmenden Nachfrage der Bevölkerung des Umlandes, der Ausflügler und der Heidesiedler, die aus Hamburg kamen. Ein weiterer Grund für den Geschäftserfolg war die Vielseitigkeit des Sortiments. So werden auf den Papiertüten der “Eisen- und Kurzwaren-Handlung” von E.A. Benecke Wollwaren, Drogen, Weine, Tabak und Zigarren, Porzellan und Steingut erwähnt. Schon bald wurden die Geschäftsinhaber zu angesehenen Mitgliedern der Dorfgemeinschaft. 1892 tritt E.A. Benecke als Stifter des bis heute benutzten Taufbeckens der St.- Paulus-Kirche auf, G. Meyer als Stifter des Türschlosses der Haupttür. E.A. Benecke, F. Kophamel und G. Meyer sind Gründungsmitglieder des Schützenvereins von 1901. F. Kophamel zählt 1912 zu den Vorstandsmitgliedern der Genossenschaft für den Bau eines Elektrizitäts- Werkes in Buchholz. – Jahrzehnte später, nach dem 2. Weltkrieg, sorgte die Auslage im Schaufenster des Geschäftes Lindenstr.2 wieder für Aufsehen. Der Elektro-Techniker Otto Abramowski hatte dort den ersten Fernseher im Ort aufgestellt, vermutlich zur Fußballweltmeisterschaft 1954.

Immer wieder gelang es den Kaufleuten der Lindenstraße 2-10, Kundenwünsche zu wecken und zu bedienen. Ein Beispiel aus seiner Kindheit erzählt Uwe Derboven. Im Schaufenster Lindenstraße 2 hatte es ihm eine Brosche angetan, rot, grün und golden funkelnd. Sie war für 4,60 DM zu haben. Bei einem Taschengeld von 50 Pfennig pro Monat viel Geld. Er entschloss sich dennoch, die Brosche zu kaufen und schenkte sie seiner Mutter zum Geburtstag. Sie freute sich sehr, wohl wissend, um welch billigen Tand es sich handelte.

Spurensicherung. Kurz vor Abriss der Gebäude hatten der 1. und der 2. Vorsitzende des Geschichtsvereins Gelegenheit, die Häuser noch einmal zu begehen. Zu ihrer Überraschung fanden sich eine Reihe von interessanten Objekten der Sachkultur sowie wichtige Archivalien. Im Anbau des Hauses Nr. 2 hatten sich u.a. Zaunpfähle, plastiküberzogener Maschen- und Stacheldraht, Futtergefäße für Küken und auf dem Dachboden die Buchführungsdokumente der Landwirtschaftlichen Bezugs und Absatzgenossenschaft Buchholz erhalten. Sie waren wohl beim Umzug der Genossenschaft in die Bremer Straße übersehen worden. Auf dem Boden lag ferner die sorgfältig verpackte, von einem Adler gekrönte Balkenwaage mit Eichstempeln der Jahre zwischen 1924 und 1952.

Aus der Zeit des Dritten Reiches stammen das Aufgebotsverzeichnis des Buchholzer Standesamtes von 1934 sowie einige Fähnchen, davon eines noch mit der Originalbanderole versehen. - Auf dem Boden des Hauses Nr. 10 kamen sehr aufschlussreiche Geschäftsbriefe aus der Zeit vor und nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948 zu Tage.

Diese zwar bescheidenen, aber zeittypischen und aussagekräftigen Funde konnten gerettet werden. Sie tragen dazu bei, die Geschichte in Buchholz begreifbarer zu machen, ganz im Sinne der Satzung unseres Vereins.

Ehrhard Deisting, Uwe Derboven

 
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